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Pötters Otto:

Platt is fien un nich bloß aolt

Ich komme aus Rheine und freue mich, Sie hier bei mir begrüßen zu können. Ich bin ein Freund der plattdeutschen Sprache, ein Kulturgut, das ich pflegen möchte. „Pötter macht das Platt nicht platt“, sagt man mir nach. Darüber freue ich mich; denn ich schreibe gerne „Döönkes“, diese kauzigen wie auch nachdenklich-sinnigen Kurzgeschichten, die den Alltag der Menschen hier längs der Ems liebevoll und treffend beschreiben. Ebenso gerne verfasse ich plattdeutsche Gedichte. Ich liebe diese „verdichteten“ Wortspielereien, die mit wenigen Worten viel auszudrücken versuchen. Von allem finden Sie hier eine umfangreiche Auswahl. Schauen Sie selbst.

Bild K.H. Conermann: Signierstunde 2017 in der Buchhandlung Eckers, Rheine

Geht es um’s Plattdeutsche, geht es oft leider nur um „die gute alte Zeit“. Dieser verklärte Blick zurück behindert aber den rechten Blick nach vorn. Und ob alles „gut“ war, das darf bezweifelt werden.

So war es schon mal gar nicht gut, dass der heutigen Generation nach dem Zweiten Weltkrieg durch irrigen Dünkel das Plattdeutsche ausgetrieben wurde. Das ging so weit, dass man sich des Plattdeutschen oft schämte (siehe unter Heimat und Sprache, unten, Gedanken über das Plattdeutsche). Das war und ist (immer noch) ein kulturelles Desaster. Umso mehr ist jeder, der (noch) Sympathien mit dem Plattdeutschen empfindet, aufgerufen, sich der Gleichgültigkeit gegenüber dieses bewahrenswert heimischen Sprachschatzes zu widersetzen. Wir bleiben ansonsten nachfolgenden Generationen ein historisches Erbe schuldig, eingefangen in einem unvergleichlich ausdrucksreichen Wortschatz, in dem sich die Werte, Lebenserfahrungen und Träume unserer Vorfahren zeigen.

Wo gibt es denn noch diese echten, unverwechselbaren Charakterisierungen, die mit wenigen Worten sogleich ganze Offenbarungen deutlich werden lassen? Wo hören wir noch diese schelmischen und doch feinen Redewendungen, die uns „so von binnen her“ schmunzeln oder auch mitfühlend nachdenklich werden lassen? Wer das kennt, der weiß:

Plattdeutsch bewegt Herz und Seele, da menschelt es. Richtig schön. Plattdeutsch ist so eine feine, humorige und doch so „sachtsinnige“ Sprache, die bildhaft, bis in die feinsten Facetten, ein weites Spektrum menschlicher Befindlichkeiten offenbart. Beispiele: Nen ollen Fuhrmann hört immer noch gern de Pietske knallen. Et giff kien Hüüsken ohne Krüüßken. Nix scheppert mehr äs lüerige Pötte … Wieviel davon könnte nicht auch uns weiterhin anrühren und ansprechen? Was könnte vielleicht sogar zu aktuellen Leitgedanken mutieren? Welche Haltungen und Sichtweisen wären im Licht unserer Zeit nicht immer noch tragfähig und hilfreich? Erfreut würden wir erkennen:  

Platt is fien un nich bloß aolt.

Noch bis Mitte des vorigen Jahrhunderts sprach ein jeder Platt; Hochdeutsch nur, wenn es offiziell wurde, eben weil das Hochdeutsch eine Schriftsprache ist. So wurde Hochdeutsch mit „Bildung“ gleichgesetzt, wobei das Plattdeutsch herabgemindert wurde. Hat sich so ein Trugschluss erst einmal gefestigt, entwickelt sich leichthin daraus ein Dünkel. Beides ist nur schwer wieder aufzulösen. Das wirkt bis heute nach, auch wenn diese irrige Annahme längst ad absurdum geführt wurde. Die Folge ist, dass dieses alte, bewahrenswerte Kulturgut mehr und mehr verdunstet. Ja, das ist das richtige Wort, Platt „verdunstet“ einfach so um uns herum, ohne dass dem bewusst noch Beachtung und Aufmerksamkeit entgegengebracht würde. Sollen oder wollen wir uns damit abfinden?

Während eines langjährigen Aufenthaltes in Mexiko erlebte ich im Kurzzeitraffer den Verfall indigener Sprachen, so auch des Otomí in meinem Wirkungskreis; eine über tausendjährige Sprache, die in ihrer Art einzigartig ist und uns in ihrer epischen Vielfalt ein Weltbild nahebringt, das durch Achtung und Würde gegenüber der Natur gerade heute beispielhaft wäre, wenn es denn gewürdigt würde … Stattdessen dominiert als Folge der Globalisierung auch dort zwischenzeitlich dieser Sprachenmischmasch aus zerhackten Wortfetzen, garniert mit Coke und Chicken Nuggets. Traurig, miterleben zu müssen, wie, im wahrsten Sinne des Wortes, „sang- und klanglos“ wichtige Werte und unvergleichliche Worte würdelos im Schmelztiegel unseriöser Medien („Fake-News“) zermalmt werden oder im schreienden Minimaljargon wechselnder Hypes untergehen. Was wir derzeit erleben ist eine Vergewaltigung unserer Sprachkultur mit verdummenden Folgen.

Die Defizite an feiner Ausdrucksfähigkeit sollen nicht verallgemeinert werden. Allerdings ist darauf zu achten, dass Bildung und Sprache nicht in einfältig unterbelichteten Sprüchen untergehen. Wohl nicht von ungefähr führt eine zunehmende Verrohung der Sprache zu rücksichtlosen Pöbeleien und körperlichen Übergriffen. Es heißt, dass alles Unheil mit einer Verwahrlosung der Sprache beginnt. Das stimmt.

Selbstverständlich ist Plattdeutsch weder die kulturelle Rettung noch das sprachliche Allheilmittel. Nein. Und doch ist es ein wertvoller Mosaikstein im Gesamterscheinungsbild unserer Kultur. Denn sowohl dreiste Rücksichtlosigkeit wie auch die generelle Missachtung kultureller Werte zeigen sich immer in einem herablassenden Ton gegenüber traditionellen Eigenarten und Konventionen. Da gilt es, sensibel zu sein.

Als ich 1975 nach Rheine zurückkehrte, lebte, hochbetagt, meine Großmutter noch, die mich sofort auf Plattdeutsch begrüßte. Meinee, nao Jaohren es wier Platt, wat schön! Ich empfand eine tiefe Verwurzelung. Und es ist kein kitschiges Wort, dieses „Geborgensein“. Das ist schön und tut gut, auch heute noch. Das ist keine Heimattümelei. Ich war wieder angekommen, merkte aber sogleich, dass es hier dem Plattdeutsch ähnlich erging wie jenseits des Ozeans dem Otomí … Das wollte ich nicht einfach so hinnehmen.

Von da an befasste ich mich mit der Sprache meiner Vorfahren, um sie nicht nur (weiterhin) zu sprechen, sondern um sie auch schreiben zu können. Ich möchte für andere einfach festhalten, was ansonsten vielleicht verloren ginge. Würdigung und Wertschätzung des Plattdeutschen wurde mir so zu einem Herzensanliegen; denn:

Platt is fien un nich bloß aolt.
Et ligg an us, off wi et haollt.
Wi mött ‚e wat an doon, „gar sehr“,
süss giff et baoll kein Plattdüütsk mehr.

Aus: Watt, de kann Platt?
Eine Anthologie des Plattdeutschen (2021)


Otto Pötter
Kulturportrait der Westfälischen Nachrichten Münster
vom 30. November 2018

(Bitte auf das Bild klicken um es zu Vergrößern)

Wat is’n Döönken?

Ein nettes Döönken ist alles andere als ein derber Schenkelklopfer. Döönken geht auf „tun“ zurück. Die Wortwurzel ist das altgermanische „dhon“, worin auch heute noch dass plattdeutsche „doon“ widerklingt (siehe auch: Bömmskes & Bömmelkes, S. 151 – 160). Auch der „Ton“ hängt damit zusammen – und der drückt ja bekanntlich auch weit mehr noch aus, als bloß „Klang“. Denken wir nur an den „guten Ton“. Auch da klingt sogleich nicht nur „ein Tun“ mit, sondern mehr noch „die Art und Weise dieses Tuns“. Das macht, richtig verstanden, auch ein schönes Döönken aus.

Es sind oft kauzige aber auch nachdenklich machende Kurzgeschichten, in dieser einmalig trockenen Art der Münster- und Emsländer formuliert, wie man sie sonst in keiner anderen Sprache so findet. Es sind typisch plattdeutsche „Short Stories“, die den Alltag der Menschen an der Ems auf eine ganz besondere Art und Weise einfangen und deutlich machen.

Döönkes sind lebendige Zeugnisse der Zeitgeschichte

Darum antwortete ich einmal auf die Frage eines Feuilletonisten, warum ich plattdeutsche Kurzgeschichten schriebe:

Anekdoten und Döönkes spiegeln in unnachahmlicher Form zeitgeschichtliche Ereignisse, interessante Lebenssituationen und charakteristische Merkmale der Zeit wider. Sie „schön“ aufzuschreiben, das geht nur, wenn man liebt, was man schreibt – hier den Kopf, dort das Herz des Lesers anrührend. Denn eine plattdeutsche Kurzgeschichte wäre kein Döönken ohne diese Harmonie von Kopf, Herz und Seele. Erst dann sind wir ganz mit dabei. Erst dann fühlen und erleben wir die Episoden und Kapriolen manch kauziger Lebenskünstler.

Wir tauchen ein in die Ereignisse vergangener Tage und spiegeln sie im Lichte eigener Erfahrungen und heutiger Lebensverhältnisse. Wir verweilen bei außergewöhnlichen Menschen, Originale mit Ecken und Kanten, aber auch bei manch liebenswerten Verlierer.

Wir lassen uns ansprechen von den Höhen und Tiefen der unterschiedlichsten Lebensläufe, voll vertrauter Menschlichkeit. Ja, bei schönen Döönkes menschelt es auch schön. Genau das möchte ich in meinen Erzählungen widergeben. Wenn mir das gelingt, kann sich jeder selbst darin wiederfinden. Mehr noch:

Jeder selbst kann daraus fürs eigene Leben unbeschwerte Heiterkeit und Freude, aber auch wohltuende Zuversicht und Gelassenheit schöpfen.“

Bild: pixabay