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Pötters Plattdüütsch, dat is för mi so wat es dat schönste Heimatmuseum! Hier kiek ick immer wier gerne to un doo mi guet an all dat moji Platt met de wunnerbaren Belder. Doch auk de fienen Bööker von Ju muntert mi elke maol up und sind bi alle Geliägenheiten schöne Geschenke. Dat säch wiet ächten von de Phillippinen, mit Dank uut Manila, Regina S. – 11.01.2021

Macht uns das Platt nicht platt

©  Otto Pötter, Rheine

„Da weiß man, was man hat“, das gilt hier auch für unser Plattdüütsch. Eine Sprache ohne Firlefanz, aber ganz. Keine Worte „von der Stange“. KI-gestanzte Sätze schon gar nicht. Dafür durch und durch echt. Unvergleichlich. Man weiß, wie man dran ist. Wie und wo auch immer, buuten wie binnen. Nicht hinter der Wand so und hinter der Hand anders. Nichts da. Was gesagt wird hat Biss. Was da kommt, kommt reinheraus. Dabei zieht sich die Stirn nicht kraus. Das kommt, weil‘s menschelt. Schön so. Drum macht uns das Platt nicht platt!

Bild: Aschendorff Verlag Münster
Signierstunde in der Buchhandlung Eckers in Rheine, 2017

Wat wi hier küert, dat hät wuohl Biss;
de Kenner kennet echt fien Platt.
Drüm wär‘ us Praoten, so es ‘t is,
auk allemaol för alle wat.

Us Plattdüütsch, dat is mehr äs schön,
dao schüert sick nich dat Hiärt bi wund.
Heel änners äs so Wortgedröhn,
mäck Plattdüütsch gar de Siäl gesund.

Knapp is Platt un doch so riek,
et hät de schönsten Wäört‘ för us.
Met jede Spraok steiht Platt sick liek
un dat ohn Falsk un ohne Stuss.

Met Platt lött lustig et sick ulken;
doch lött sick guet auk butt wat säggen.
Nich minner dräch et us up Wulken
un kann sick fien ümt Hiärtken leggen.

Et weiget us, wat dann so klingt;
wi föhlt us licht, annommen, froh,
as wenn van wieden us wat winkt
un kaim fien sachte up us to …

Oft klingt wat nao, wat lange wör,
as woll et us maol wier wat säggen.
Daobi geiht deep wat dör un dör
un döt upt Neei‘ de Siäle weegen.

Auk dat is Platt, van Hiärten sacht;
et wäd dann sinnig us tomoot,
as härren Engelkes wat bracht,
doch nich met Flittkes, nä, to Foot.

Ja, Hiärt un Siäl gaoht heelmaol up,
kömmt Plattdüütsch echt un fien deher;
as gäff et hiemmelwärts en Schub,
man will dann änners gar nix mehr …

© Pötter – 2020

 

Im Platt pulsiert das ganze Leben. Wer jedoch meint, heute eigne sich Plattdeutsch nur noch für flache Witze oder etwas, was man auf Hochdeutsch sonst so nicht sagen könne, der schwätzt dummes Zeug, der sabotiert das Platt. Nein, so nicht. Das ist würdelos. Jemand hier von der Ems, der es in der Fremde vermisst, schrieb mir: „Da sage einer, was er will, dem so warmherzigen Plattdeutschen gilt wohl auf ewig mein emotionales Heimweh. Diesen Sprachluxus, der mich melancholisch beglückt, gönne ich mir literarisch oder als Ohrenschmaus, so oft es geht. Dann bin ich gleich wieder mit mir versöhnt.“

     Dat lutt doch heel best (das klingt doch bestens). Oder? Reich im Fundus einmaliger Ausdrucksweisen, wohlig wärmend im Klang, lesend zwar gewöhnungsbedürftig aber umso tiefgehender leise murmelnd rezitiert, ist Platt aparte Wonne, ja, ein Sprachluxus! Unvergleichlich. Als historische Sprache eigenwillig gewachsen, lässt sich heute das Plattdeutsch nicht künstlich aufpäppeln; etwa dem schulischen Curriculum angepasst mit aufgepfropft, verlöre es seine Originalität. Platt kanns nich studeeren, dat moss kennen (Plattdeutsch kann man nicht studieren, man muss es kennen). Eine auf Punkt und Komma festgelegte Einbürgerung in den öffentlich-rechtlichen Bildungskanon könnte zwar erfreulich erscheinen, bürokratisch überwacht aber käme das wohl eher einer sprachlichen Kastration gleich. Sprache braucht keine Förmchen, Plattdeutsch schon gar nicht. Sprache braucht Leben. Plattdeutsch besonders.

     Das sprengt schon mal Grenzen. So wie einst. Da ging’s gar mit’s Platt bis nach Namibia. Nicht zu glauben! Und doch wahr – es war so: Zunächst muss man wissen, dass saure Dickmilch in der Ernährung unserer Vorfahren eine besondere Bedeutung hatte. Auch wir essen ja heute gern noch Joghurt (Das Wort stammt von den Schaf- und Ziegenhirten des Balkan) und Quark (im Süden auch als Schotten, im Norden als Hotten bekannt). Hierbei kommt nun ein geschichtlicher Nebenschauplatz ins Spiel und zwar aus der Zeit, als sich einst durch wirtschaftliche Not infolge von Kriegen und politischen Unruhen Aussiedler auf den Weg in die Ferne machten. Hier an und um die Ems herum begann es mit der Hollandgängerei, woraus sich sogar ein eigener Berufsstand entwickelte, die Tödden. Das Wort stammt vom niederdeutschen totten, was soviel wie herumlaufen, aber auch mitschleppen bedeutet. Dazu benutzten die Tödden ihre Kiepen.

     Andere Ausreisewillige zog es nach Amerika und wieder andere nach Deutsch-Südwestafrika, wo 1883 im Kolonialfieber unter Wilhelm II und Bismarck die deutsche Flagge gehisst wurde. Hier waren nun deutsche Bauern, plattdeutsch die Buren, Nachbarn der Khoi-Khoi-Nomaden. Es fiel auf, dass diese Nomaden in ledernen Fellbeuteln ihren Hotten (plattdeutsch für die Dickmilch) mit sich führten, sie „tott’en ständig damit herum“. Was lag nun näher, als dass die Buren – unkompliziert wie sie waren – ihre neuen Nachbarn auf Plattdeutsch Hottentotten nannten.  Was wir hier begrifflich mit der Zeit so daraus machten, steht wieder auf einem anderen Blatt. Auf jeden Fall ging es mit’s Platt schon mal ganz schön rund in de Welt. Doch das war mal. Und Tschüss.

     Tschüss ist aber auch wieder so ein Wort, das es in sich hat. Zwar klingt’s vertraut und schön beim Auseinandergeh’n, aber jeder hat sich sicher schon mal gefragt, woher dieses merkwürdige Wort wohl kommen mag? Unter uns: Oben an der Küste ging es immer schon mulikulti zu. Bereits im 17. und 18. Jahrhunderten segelten in Ostfriesland nicht nur Schaluppen vorsichtig die Küste längs, nein, stolze Dreimaster durchquerten Wind und Wogen im Pendelverkehr zwischen Spanien und Frankreich im regen Handel mit Kolonialwaren. Nicht von ungefähr sind die Ostfriesen bis heute leidenschaftliche Teetrinker.  Weltgewandt blieb es auch nicht aus, dass sich sprachlich viele Aussagen durchmischten. Lösten sie in den Häfen die Seile vom Poller, riefen uns die Franzosen ein Adieu und die Spanier ein Adiós nach. Beide Wörter stammen vom Lateinischen Ad deum, was übersetzt „zu Gott“ heißt. Das war ins Plattdeutsche, was immerhin über Jahrhunderte die Sprache der Hanse war, schwer zu übersetzen. Also glich man sich an. Plattdeutsch verfärbt kam so im 19. Jahrhundert hier bei uns das nette Abschiedswort Atschüs in Mode. Das anfängliche A wurde mit der Zeit „verschluckt“. Es blieb das heutige Tschüss.

     Tschüss klingt nicht gleich so sentimental. Just das ist charakteristisch fürs Plattdeutsche. Und so kommt nichts von ungefähr. Recht betrachtet schimmert daraus oft immer auch ein einstiger Wert. Es ist gut, wenn man etwas davon weiß. Ohne dieses Wertbewusstsein laufen wir Gefahr, unsere Identität zu verlieren. Gerade heute ist das mit der Globalisierung umso beachtenswerter. Da kann durch falschen Spleen viel Wertvolles für immer verlorengehen.

     Just der Spleen scheint heute des Plattdeutschen Untergang. Obwohl noch bis Mitte des vorigen Jahrhunderts jeder platt sprach, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg das Hochdeutsch mit Bildung gleichgesetzt. Plattdeutsch war plötzlich nicht mehr fein genug. Das wirkt bis heute nach, auch wenn diese irrige Annahme längst ad absurdum geführt wurde. Die Folge ist, dass dieses historische Kulturgut mehr und mehr verdunstet. Ja, das ist das richtige Wort, Platt „verdunstet“, es schwindet unbemerkt, einfach so, ohne dass es einem bewusst ist. Schlimmer noch, es scheint uns egal. Aber namenloser Wortmatsch spritzt uns nur so um die Ohren.

     Einerlei? Es wäre ein kulturelles Desaster. Umso mehr ist jeder, dem es (noch) am Plattdeutschen liegt aufgerufen, sich diesem sprachlichen Verfall zu widersetzen. Wir würden sonst nachfolgenden Generationen ein historisches Erbe schuldig, in dem sich die Werte, Lebenserfahrungen und Träume unserer Vorfahren auf unvergleichliche Art und Weise zeigen. Wo gibt es denn noch diese echten, unverwechselbaren Charakterisierungen, die mit wenigen Worten sogleich ganze Offenbarungen deutlich werden lassen? Wo hören wir noch diese schelmischen und doch feinen Redewendungen, die uns „von binnen her“ schmunzeln oder auch mitfühlend nachdenklich werden lassen? Wer das kennt, der weiß: Plattdeutsch bewegt Herz und Seele, da menschelt es. Richtig schön. Plattdeutsch ist eine feine, humorige und doch „sachtsinnige“ Sprache, die bildhaft, bis in die feinsten Ausdrucksformen hinein ein weites Spektrum menschlicher Befindlichkeiten offenbart. Beispiele: En ollen Fuhrmann hört gern noch de Pietske knallen (ein alter Fuhrmann hört gerne noch die Peitsche knallen). Hört, hört! Lierige Pötte scheppert (leere Töpfe scheppern am lautesten); et giff kien Hüüsken ohne Krüüßken (kein Haus ohne Leid, ohne Probleme). Vieles davon gilt nach wie vor. Drüm sägg wi hier nich ohne Stolt, Platt is fien un nich bloß aolt.

     Der Journalist Ulrich Wickert (* 1942), zweifelsohne ein Weltbürger, ruft dazu auf: „Identifiziert euch!“ So auch der Titel eines seiner Bücher. Mit anderen Worten: „Steht zu dem, was euch verwurzelt.“ Was hieße es denn, wenn jemand betone, er sei Europäer. Schön und gut. Aber woher denn? Das könne doch nicht egal sein. Also: Deutschland? Und aus welcher Ecke? Bayern, Sachsen, Norden, Westen, Nordwesten, Westfalen? Gute Frage. Jede Ecke hat etwas ihr Eigenartiges, etwas Besonderes, was denn auch einer besonderen Wertschätzung bedarf. Gehe diese verloren, drohe gleichgültige Gleichmacherei. Wickert mahnt, dass die Leugnung seiner Identität letztlich dazu führe, in sich selbst nicht mehr verankert zu sein. Darin sehen Psychologen auch mit zunehmendem Alter ein Einfallstor für Depressionen. Obwohl in Tokio geboren sieht sich Wickert längst als Europäer, aber … in Heidelberg aufgewachsen, fühlt er sich als Deutscher, mit Wurzeln aus der Pfalz, aus der Kurpfalz sogar, wo „der Feez“ noch für Unsinn steht, was auch über Heidelberg hinaus bekannt ist. Ähnlich bei uns hier oben „der Stuss“. Dabei fragt Wickert, warum wir daraus denn gleich wieder den Nonsens gemacht hätten? Klingt das etwa gebildeter, extravaganter? Falscher Spleen. So verblassen regionale Eigenarten. Nehmen wir das alles weiterhin achtlos hin, gibt’s einen sprachlichen Mischmasch, der alles über einen Leisten zieht.

     Es geht auch hier längst nicht mehr nur ums Plattdeutsche. Das Hochdeutsche ist ja auch schon mit Anglizismen und Computervokabeln durchsetzt, die nicht nur zu sprachlichen Verwerfungen zwischen Jüngeren und Älteren führen, nein, die Ausdrucksfähigkeit leidet mehr und mehr durch ein globalisiertes Vielerlei mit wahllos eingestreuten Vokabeln und Begriffen, deren Bedeutungen nur noch wenigen bewusst sind. Das geht zu Lasten einer feinen, wohlüberlegten Ausdrucksfähigkeit, an deren Ende eine zunehmende Verrohung steht. Nicht nur Sprachwissenschaftler behaupten, dass alles Unheil mit einer verlotternden Sprachmissachtung beginnt. So warnt David Kayes, der UN-Sonderbeauftragte für Meinungs- und Informationsfreiheit für Europa, vor zunehmenden Pöbel-Ausfällen im Netz als schlimme Zeichen sprachlicher Verwahrlosung.  Es sei hilfreich, sich wieder mehr seiner eigenen kulturellen Werte zu besinnen, um nicht menschlich Schaden zu nehmen. Ist auch uns das bewusst? Umso eindringlicher sei an dieser Stelle gesagt: Macht uns nicht auch noch das Platt platt!

     Selbstverständlich wäre es vermessen, in diesem Zusammenhang gerade das Plattdeutsch als die kulturelle Rettung anzupreisen. Nein. Aber weil es, wie auch im gepflegten Hochdeutsch, ein wertvoller Mosaikstein im Gesamterscheinungsbild unserer Kultur ist, darf es nicht für immer untergehen. Schön denn auch, wenn es hier (noch) heißt:

Platt is fien, un nich bloß aolt.
Et ligg an us, off wi et haollt.
Wi mött‘ de wat an doon, „gar sehr“,
süss giff et baoll kien Plattdüütsch mehr.

©  2023


Hier ein Hörbeispiel eines Textes von mir, „Sommersonnentage an der Ems“, gelesen von Bernd Artmann, vom Ensemble der Niederdeutschen Bühne Münster (VI – 2021):

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Otto Pötter

neben Kai Pflaume, Jürgen von der Lippe und Rosalie
im ARD-Studio Berlin-Adlershof
als Sachverständiger für das Münsterländer Platt
beim Dialektduell zur ARD-Eurovisionssendung Klein gegen Groß am 17.10.2020

Bild: Thorsten Jander – I & U TV-Produktion Köln

 


 

Otto Pötter
Kulturportrait der Westfälischen Nachrichten Münster
vom 30. November 2018

(Bitte auf das Bild klicken um es zu Vergrößern)

Wat is’n Döönken?

Ein nettes Döönken ist alles andere als ein derber Schenkelklopfer. Döönken geht auf „tun“ zurück. Die Wortwurzel ist das altgermanische „dhon“, worin auch heute noch dass plattdeutsche „doon“ widerklingt (siehe auch: Bömmskes & Bömmelkes, S. 151 – 160). Auch der „Ton“ hängt damit zusammen – und der drückt ja bekanntlich auch weit mehr noch aus, als bloß „Klang“. Denken wir nur an den „guten Ton“. Auch da klingt sogleich nicht nur „ein Tun“ mit, sondern mehr noch „die Art und Weise dieses Tuns“. Das macht, richtig verstanden, auch ein schönes Döönken aus.

Es sind oft kauzige aber auch nachdenklich machende Kurzgeschichten, in dieser einmalig trockenen Art der Münster- und Emsländer formuliert, wie man sie sonst in keiner anderen Sprache so findet. Es sind typisch plattdeutsche „Short Stories“, die den Alltag der Menschen an der Ems auf eine ganz besondere Art und Weise einfangen und deutlich machen.

Döönkes sind lebendige Zeugnisse der Zeitgeschichte

Darum antwortete ich einmal auf die Frage eines Feuilletonisten, warum ich plattdeutsche Kurzgeschichten schriebe:

Anekdoten und Döönkes spiegeln in unnachahmlicher Form zeitgeschichtliche Ereignisse, interessante Lebenssituationen und charakteristische Merkmale der Zeit wider. Sie „schön“ aufzuschreiben, das geht nur, wenn man liebt, was man schreibt – hier den Kopf, dort das Herz des Lesers anrührend. Denn eine plattdeutsche Kurzgeschichte wäre kein Döönken ohne diese Harmonie von Kopf, Herz und Seele. Erst dann sind wir ganz mit dabei. Erst dann fühlen und erleben wir die Episoden und Kapriolen manch kauziger Lebenskünstler.

Wir tauchen ein in die Ereignisse vergangener Tage und spiegeln sie im Lichte eigener Erfahrungen und heutiger Lebensverhältnisse. Wir verweilen bei außergewöhnlichen Menschen, Originale mit Ecken und Kanten, aber auch bei manch liebenswerten Verlierer.

Wir lassen uns ansprechen von den Höhen und Tiefen der unterschiedlichsten Lebensläufe, voll vertrauter Menschlichkeit. Ja, bei schönen Döönkes menschelt es auch schön. Genau das möchte ich in meinen Erzählungen widergeben. Wenn mir das gelingt, kann sich jeder selbst darin wiederfinden. Mehr noch:

Jeder selbst kann daraus fürs eigene Leben unbeschwerte Heiterkeit und Freude, aber auch wohltuende Zuversicht und Gelassenheit schöpfen.“

Bild: pixabay