Platt is aolt, aower fien

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Geht es ums Plattdeutsche, geht es oft nur um „die gute alte Zeit“. Dieser verklärte Blick zurück behindert aber den rechten Blick nach vorn. Und ob alles „gut“ war, das sei auch dahingestellt. So wurde unserer Generation nach dem Zweiten Weltkrieg durch irrigen Dünkel das Plattdeutsche ausgetrieben mit der Folge, dass man sich des Plattdeutschen sogar schämte. Schlimm. Das war ganz und gar nicht gut. Es war und ist ein kulturelles Desaster. Geht das so weiter, bleiben wir der nachfolgenden Generation ein historisches Erbe schuldig, denn so geht sang- und klanglos eine Sprache verloren, in der die Lebenserfahrungen und Träume unserer Vorfahren auf eine ganz und gar einmalige Art und Weise eingefangen sind. Dabei zeigt sich: Platt is aolt, aower fien. Platt ist nicht nur eine alte Sprache, Plattdeutsch ist eine altehrwürdige Sprache.

     Noch bis Mitte des vorigen Jahrhunderts sprach ein jeder Platt, Hochdeutsch nur, wenn es offiziell wurde, eben weil das Hochdeutsch eine Schriftsprache ist. Das wurde, warum auch immer, mit „Bildung“ gleichgesetzt. Warum, bleibt schleierhaft. Eigentlich „will“ das bis heute keiner. Weil aber auch keiner etwas tut, ist das so. Und so „verdunstet“ diese alte Sprache mehr und mehr; solange, bis sie keiner mehr kennt. Kann uns das egal sein?

     Als langjähriger Dozent für logotherapeutische Persönlichkeitsentwicklung (sinnzentrierte Klosterseminare) weiß ich um den Wert der Einsicht, in problematischen Lebenssituationen nicht nur „große“ Fragen zu stellen, sondern bereit zu sein, sich von der gegebenen Situation befragen zu lassen. Also, statt Anklage („Das darf doch wohl nicht wahr sein!“), sich lösungsorientierten Anregungen zuzuwenden; sich also von der Frage leiten zu lassen: „Was wird von mir erwartet? Was ist jetzt zu tun?“ So ein starkes Wofür überwindet jedes Warum.

     Während eines mehrjährigen Auslandsaufenthaltes in Mexiko erlebte ich, gewissermaßen „im Zeitraffer“, das Aussterben der indigenen Sprachen. Wer sich für modern hielt, sprach Spanisch, die Alten jedoch noch ihr Otomí. Da aber immer weniger Otomí gesprochen wurde, versuchte der Staat, durch Förderprogramme diesen alten kulturellen Sprachschatz zu retten. Ob das (noch) gelingt, sei dahingestellt, es spricht auf jeden Fall für eine kulturelle Wertschätzung dieser Absicht. 

     Als ich 1975 nach Rheine zurückkehrte, lebte, hochbetagt, meine Großmutter noch, die mich sofort auf Plattdeutsch begrüßte. Meinee, nao Jaohren es wier Platt, wat schön! Ich war wieder angekommen …

     Analog zu den alten Stammessprachen in Übersee wurde mir hier in gleicher Weise die Gefährdung des Plattdeutschen klar. Schon seinerzeit hatte ich durch meine Auslandserfahrung den Leitsatz verinnerlicht: „Nicht fragend lamentieren, stattdessen beherzt agieren.“

     Von da an befasste ich mich von Grund auf mit der Sprache meiner Vorfahren, um sie nicht nur zu sprechen, sondern um in ihr denken und fühlen zu lernen. Mit der Zeit begann ich sogar, plattdeutsch zu schreiben. Warum? Hier meine Antwort:

Platt is fien un nich bloß aolt.
Et ligg an us, off wi et haolt.
Wi mött ‚e wat an doon, „gar sehr“,
süss giff et baoll kien Plattdüütsk mehr.

Bild: Andreas Pötter

Otto Pötter
Autor beim Aschendorff-Verlag Münster
Kulturpreis der Stadt Rheine (2012)

Bücher
Plattdüütsch Gebettbook
Heile, heile Hänsken
Liekuut, liekan
Hackemaih
Notizen von Fietsen un Miezen
Bömmskes & Bömmelkes
Kalennerblättkes
Jeden Tag etwas, aber keinen Tag nichts
Froh zu sein, bedarf es wenig
CD: So is se, use Art